Vasilisa Rešetova
Bilder – Darja Apachontschitsch

Übersetzung – Petra Huber
Wie man einen Drachen stiehlt
Es warеn einmal drei benachbarte Königreiche: ein violettes, ein rotes und ein zitronengelbes. Sie pflegten gute Beziehungen, doch jedes der Reiche war davon überzeugt, dass seine Farbe die schönste war.

Das Violette Reich wurde von einem König und seiner Gemahlin regiert. Sie hatten ein einziges Töchterlein, das Sabrina hieß.

Prinzessin Sabrina war so schön, dass ihre Eltern sie seit früher Kindheit dazu anhielten, das Gesicht mit einem besonderen Schleier zu bedecken, sobald sie das Schloss verließ. Und nicht nur sie: auch vielen anderen Mädchen wurde vorgeschrieben, draußen einen Schleier zu tragen. Sabrina konnte diese Kopfbedeckung nicht leiden, aber als gehorsame Tochter war sie darauf bedacht, ihre Eltern nicht zu sehr zu verärgern. Wenn sie aber auf ihrem Lieblingspferd in den Wald ritt und vom elterlichen Schloss aus nicht mehr zu sehen war, nahm sie den lästigen Gesichtsvorhang immer gleich ab, da dieser beim Bogenschießen recht hinderlich war.
Prinzessin Sabrina liebte es nämlich, sich bei ihren Ausflügen im Bogenschießen, Reiten und anderen ritterlichen Fertigkeiten zu üben. Bevor sie nachhause zurückkehrte, legte sie die gewohnte Kopfdeckung, von der ihr das Gesicht schrecklich juckte, widerwillig wieder an. Man redete der Prinzessin ein, sie müsse den Schleier nur tragen, um zu verhindern, dass der Drache sie entführe, der auf alle schönen Mädchen Jagd mache. Sabrina antwortete dann stets:
„Das soll er nur versuchen." Und wünschte sich nichts sehnlicher, als diesen idiotischen Bestandteil ihrer Garderobe endlich loszuwerden.

Im Roten Reich lebte ein Prinz, der allseits dafür gerühmt wurde, dass er den soeben erwähnten Drachen immer besiegte, wenn dieser wieder irgendein Mädchen entführt hatte. Alle verehrten den Prinzen als Helden, obwohl er in Wahrheit schwach und träge war und nicht in der Lage, sich selbst zu beschützen, geschweige denn sein Reich. Doch entweder wusste das niemand oder alle wussten es, sprachen aber nie darüber, weil sich das nicht gehörte. Auch Prinzessin Sabrina war es noch nicht zu Ohren gekommen.

Eines schönen Tages galoppierte Sabrina, wie so oft, auf ihrem Pferd durch den Wald. Dabei versuchte sie, sich dort aufzuhalten, wo die Bäume am dichtesten standen und der Drache (sollte er zufällig vorbeifliegen) sie nicht sehen könnte. Als sie an einem Flüsschen Halt machte, sah sie plötzlich am Himmel einen grünen, unförmigen Fleck vorübertreiben. Sie nahm den lästigen Schleier ab und erkannte, dass es sich um eine große, ein wenig schwerfällige geflügelte Echse handelte, die langsam vorüberflog, ja fast kroch. „Was ist das für ein fliegendes Reptil? Etwa ein Drache?" Als die Prinzessin sah, dass das Tier auf sie zusteuerte, bestieg sie, ohne lange zu überlegen, ihr rotbraunes Pferd und ritt langsam auf eine Baumreihe zu. Irgendwann fiel ihr auf, dass der Drache zwischen den Bäumen stecken geblieben war – offenbar war er erschöpft oder ihm war schwindlig geworden.

Obwohl sie nicht so recht geglaubt hatte, jemals einem Drachen zu begegnen, hatte Sabrina für alle Fälle ein Fischernetz, mehrere Schwerter, eine Axt, das Blaulicht eines Polizeiautos sowie ein Stück Brot dabei. Zum Glück reichte das Fischernetz aus: Die Prinzessin wickelte den Drachen, der zwischen Tannen und Birken gefangen am Boden lag, sorgfältig darin ein; anschließend schleppte sie ihn mühsam zum Schloss und sperrte ihn dort im höchsten Turm ein. Nachdem sie den Drachen wieder ausgewickelt hatte, fragte sie ihn, warum er schöne Mädchen entführe.

„Nun, wenn ich hässliche entführen würde", antwortete der Drache, „würde der Prinz einen Wutanfall kriegen."

Die Prinzessin wunderte sich über diese Antwort und fragte den Drachen, was er damit meine.

„Vor vielen Jahren hat mich ein Vorfahre seiner Hoheit gefangen und mich dort im Schloss eingesperrt. Damals wetteiferten die Prinzen und Könige des Reichs, wer es schaffen würde, das größte Tier zu fangen."

„Warum denn das?"

„Das weiß ich auch nicht; heute wird in meinem Königreich jedenfalls nicht mehr gejagt; der Prinz ist faul, hockt den ganzen Tag nur auf dem Thron herum und spielt Videospiele. Und dann zwingt er mich, laut zu brüllen, schöne Mädchen zu rauben und Dörfer in Brand zu setzen. Die Mädchen lässt er dann frei und posaunt überhall herum, dass er sie gerettet hat. Und dafür rühmt man ihn im ganzen Reich und feiert ihn; ich aber werde mit Tomaten beworfen, wie ein Rindvieh mit Stöcken geschlagen und verspottet.

Sabrina wurde traurig und beschloss, dem Drachen zu erlauben, im Schloss herumzufliegen – aber nur dort, wo ihn niemand sehen und dann vor Schreck in Ohnmacht fallen könnte. Laut sagte sie: „Also gut, Drache, du bekommst ein Zimmer im Turm, und ich gebe dir zu essen. Benimm dich aber anständig, damit der Prinz nicht herausfindet, dass du hier bist."

Alles in allem war der Drache in seinem ganzen langen Leben noch nie so gut behandelt worden. Er baute sich ein Nest im leerstehenden höchsten Schlossturm und ruhte sich endlich aus.

Bald stand in den drei Königreichen alles kopf, weil der Drache verschwunden war. Im Roten Königreich, woher der Drache kam, weil es nun niemanden mehr gab, der Mädchen raubte; im Violetten Königreich, wo der arme Drache jetzt untergebracht war, weil man ihn am Himmel fliegen sah und annahm, er wäre noch in Freiheit; und im Zitronengelben Königreich, weil es bei den Nachbarn drunter und drüber ging und alle Angst hatten, es könnte etwas Schlimmes passieren.




Bald kam dem Prinzen ein Gedanke: „Vielleicht ist ja mein Drache in ein anderes Königreich geflogen und lebt jetzt dort?" Und so schickte er Kundschafter in alle Himmelsrichtungen aus, die den Drachen schließlich am Fenster des Schlosses des Violetten Königreichs entdeckten und den Prinzen davon unterrichteten.

Nicht nur den Prinzen, denn in kürzester Zeit wussten sämtliche Bewohner aller drei Königreiche Bescheid. „Wie kann das nur sein?", fragten sie erstaunt. „Ist der Drache ins Schloss eingedrungen? Oder hat die Prinzessin dieses riesengroße Reptil entführt? Was für ein Skandal, so etwas gehört sich nicht! Schließlich sind Drachen dazu da, Prinzessinnen zu rauben, und nicht umgekehrt!" Der Prinz und seine Heldentaten gerieten in Vergessenheit, und bald sprachen alle nur noch von der Prinzessin.

Von nun an war das Leben schöner Mädchen viel einfacher, da niemand mehr versuchte, sie zu entführen. Sie erzählten allen ihren Freunden und Freundinnen, dass der Prinz dem Drachen befohlen hatte, Mädchen zu rauben, jetzt aber von ihm nichts mehr zu fürchten sei.

Unterdessen beschloss der Prinz, dessen Ruf endgültig ruiniert war, Sabrinas Königreich den Krieg zu erklären. Doch seine Untertanen verweigerten ihm die Unterstützung, da niemand für einen Hochstapler in den Kampf ziehen wollte. Da ihm nichts anderes übrig blieb, flog der Prinz in seinem Hubschrauber ins Violette Königreich, um seinen Drachen höchstpersönlich abzuholen.

Am dortigen Schloss angekommen, spazierte der Prinz schnurstracks vor das Königspaar und sagte: „Ich bin wegen meines Drachen hier."

„Ihr seid also der Prinz, der vorgetäuscht hat, ein Held zu sein, um der Ehre und des Ruhmes willen?", fragte der König, der natürlich genau über den Prinzen Bescheid wusste.

Die Prinzessin sagte: „Wie kommt ihr darauf, verehrter Prinz, dass dieser Drache Euch gehört? Habt Ihr ihn etwa gefragt? Der Drache gehört niemanden außer sich selbst." Der Prinz, der seinen Ruf unbedingt wiederherstellen wollte, blieb hartnäckig. Letzten Endes wurde der Thronrat einberufen, und es ereignete sich Folgendes:

Alle setzten sich an einen runden Tisch und berieten gemeinsam über das weitere Vorgehen. Auch der Drache wurde herbeigerufen, da alle bereits wussten, dass er sich im Schloss befand (schließlich gab die Prinzessin nicht ohne Grund tagtäglich Anweisung, ihr hundert Kilogramm kalorienreiches Essen zuzubereiten, und versicherte, dass sie zur Zeit ihre Mahlzeiten am liebsten allein zu sich nehme).

„Warum habt Ihr den Drachen entführt?", fragte der Prinz Sabrina.

„Ich hatte es satt, mir dauernd von meinen Freundinnen anhören zu müssen, dass Drachen Mädchen entführen. Daher hab ich kurzerhand beschlossen, meinerseits den Drachen zu entführen. Außerdem war ich es leid, mit diesem Vorhang vor dem Gesicht herumlaufen zu müssen", antwortete die Prinzessin ruhig und zog sich zum allgemeinen Erstaunen den Schleier vom Gesicht. Nun konnte jeder sehen, dass sich unter dem Schleier nur eine ganz gewöhnliche Prinzessin verbarg, und - was am wichtigsten war - dass der Drache keine Anstalten machte, sich auf diese zu stürzen.

Der Prinz, der nichts begriffen hatte, wollte seinen Drachen nachhause mitnehmen. Doch das geflügelte Reptil weigerte sich standhaft zurückzukehren und wieder für Entführungen missbraucht zu werden; obendrein wurde er hier gut und respektvoll behandelt.

Mit einem Schlag seiner Flügel schwang sich der Drache auf und flog – alles umwerfend, was ihm im Weg stand und eine Fensterscheibe zerschmetternd - hinaus ins Freie. Nachdem er einmal um das Schloss herumgeflogen war, ließ er sich auf dem Dach nieder und verkündete, dass er unter gar keinen Umständen zum Prinzen zurückkehren werde und auch niemals wieder schöne Mädchen oder sonst irgendjemanden entführen werde.




Zu guter Letzt gab der Prinz klein bei und versprach, alle Ansprüche auf den Drachen aufzugeben. Als der Drache dann im dichten Grün des Schlossparks verschwunden war, ließ Sabrina den Prinzen wissen, dass ihm zu gehen erlaube – vorausgesetzt, er stelle sein schändliches Tun ein; zudem werde sie dann davon absehen, ihm ihrerseits den Krieg zu erklären.

Dem Prinzen blieb nichts anderes übrig, als in sein Königreich zurückzukehren. Natürlich gelang es ihm nicht, seinen Ruf wiederherzustellen, die Entführungen hatten jedoch ein Ende.

Nun war es an der Prinzessin, die Meinung ihrer Untertanen über Drachen zu ändern. Sie argumentierte, dass, solange ein Drache im Königreich lebte, sie vor feindlichen Angriffen geschützt seien. Zudem bräuchten Frauen und Mädchen ihre Gesichter nicht mehr gegen ihren Willen verstecken, da auch sie in Sicherheit wären.

Die Herrschaft von Prinzessin Sabrina wurde ein Goldenes Zeitalter, und sie selbst ging als Königin Sabrina die Große – Herrin der Drachen - in die Geschichte ein.

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